Carlos Queiroz in der ungewollten Rolle

Der Iran spielt am Dienstagabend um seinen grössten WM-Erfolg. Der Portugiese Carlos Queiroz zieht als Trainer die verstrickten Fäden.

Die iranischen Spieler feiern ihren Trainer Carlos Quiroz nach dem Sieg gegen Wales (FOTO: KEYSTONE/EPA/Abedin Taherkenareh)
Die iranischen Spieler feiern ihren Trainer Carlos Quiroz nach dem Sieg gegen Wales (FOTO: KEYSTONE/EPA/Abedin Taherkenareh)

Carlos Queiroz kennt den Iran und die Mechanismen rund um die Nationalmannschaft. Zum dritten Mal führt er dieses immer unter besonderer Beobachtung stehende Team an einer Weltmeisterschaft. Aber in diesen Tagen ist selbst der erfahrene Portugiese von der Tragweite von allem, was seine Spieler tun oder nicht tun, mal überrascht, mal verärgert. Etwa, als ihn ein TV-Reporter im offiziellen Interview nach den Sieg gegen Wales fragt: "Was ist Ihre Message an die Iranische Republik?" Er fragt nochmals nach: "Sorry?" Dann verdüstert sich seine Miene, und er antwortet wohl gleichermassen nach Worten wie nach dem richtigen Tonfall suchend: "Die Spieler verdienen Unterstützung. Wir haben es für sie getan - für die Fans."

Wo steht die Nationalmannschaft, für wen spielt sie? Es ist eine der Fragen, die trotz des Erfolges beschäftigen. Auf wessen Seite stehen die Spieler? Denn es gibt zwei Seiten, die seit dem Tod von Mahsa Amini vor zweieinhalb Monaten im Iran und überhaupt, wenn es um den Iran geht, sichtbar sind. Seit dem Tod der 22-jährigen Kurdin Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei gibt es heftige Proteste im Land, die schon Hunderte von Toten gefordert haben. Vor dem ersten Match gegen England sangen die Spieler die Nationalhymne nicht mit, vor dem zweiten gegen Wales dann schon. Dazwischen soll die Regierung Druck ausgeübt haben.

Queiroz kann mit den Fragen rund um die politische Lage nichts anfangen. Wieso man nicht mal Gareth Southgate, den englischen Nationalcoach, zum Abzug der britischen Truppen aus Afghanistan befragt, reagierte er vor einigen Tagen trotzig, als ein Journalist aus seiner Sicht den Fokus auf das Falsche legte. Für den bald 70-Jährigen steht der Fussball im Vordergrund. Wenn es darum geht, kann er auch bissig werden. Nachdem Jürgen Klinsmann als Teil der FIFA-Studiengruppe gemeint hatte, die unsaubere Spielweise liege den Iranern im Blut, forderte er den Rücktritt des früheren deutschen Stürmers.

Queiroz ist weit gereist. Er ist in Mosambik geboren, als das afrikanische Land noch eine portugiesische Kolonie war. Er trainierte danach in Portugal, in den USA, Japan, den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Saudi-Arabien, Südafrika, in England, Spanien, Kolumbien und Ägypten. Doch glaubt man Klinsmann, dann passt der ehemalige Amateur-Goalie nirgendwo so gut hin wie in den Iran. Der Deutsche begründete seine Aussage damit, dass Queiroz zuletzt überall sonst gescheitert ist. In den letzten Jahren als Nationaltrainer von Kolumbien und Ägypten.

Paradoxerweise scheint sich Queiroz dort am wohlsten zu fühlen, wo er sich ganz auf den Fussball konzentrieren kann. Er gilt als der Entdecker der goldenen Generation Portugals, von Luis Figo oder Rui Costa, die er im Kreis der U20-Nationalmannschaft 1989 und 1991 zu zwei WM-Titeln geführt hat. Es war der Beginn seiner Karriere, die nie die ganz grossen Höhen erreichte. Er scheiterte jeweils dort, wo seine Laufbahn einen entscheidenden Schub hätte bekommen können, bei Real Madrid und auch als Nationalcoach Portugals. Dafür war er jahrelang die rechte Hand von Alex Ferguson bei Manchester United.

Sechs Saisons an der Seite des als schwierig geltenden schottischen Ausnahmetrainers Ferguson sind Beweis genug, dass Queiroz mit Druck und Stress umgehen kann. Davon hat er in diesen Tagen mehr als genug. Dass der Iran gegen die USA mit guter Ausgangslage um seinen ersten Vorstoss in eine WM-K.o.-Runde spielt, macht die Situation nicht einfacher oder unpolitischer. Wieder geht es mehr um Atomprogramm, Krieg in der Ukraine und die Proteste in Teheran als um Offside und Gegenpressing.

Druck kommt auf Queiroz und seine Spieler von allen Seiten. Die Protestierenden würden sich vor den Augen der ganzen Welt am Dienstagabend ein Statement des Teams wünschen, die Regierung um Präsident Ebrahim Raisi hat derweil das Nationalteam schon für ihren Nutzen indirekt eingespannt. "Ich bedanke mich für euren unermüdlichen Einsatz, der für so viel Freude im Land gesorgt hat", schrieb Raisi auf Twitter. Wenn es nach Queiroz geht, kann es auf alles nur eine Antwort geben: Die Achtelfinal-Qualifikation vor denen, die für ihn besonders zählen - den Fans.

(sda)


Daten:

News Redaktion
29.11.22 08:03

Themen:

Sport

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