Am Coronavirus erkrankter Mann liegt isoliert in Tessiner Klinik

Die Schweiz hat ihren ersten Coronavirus-Fall. Ein 70-jähriger Mann aus dem Tessin ist am Dienstag positiv getestet worden. Vor zehn Tagen hatte er an einer Versammlung in der Gegend von Mailand teilgenommen. Der Bund ändert vorerst nichts an seinen Massnahmen.

Am Coronavirus erkrankter Mann liegt isoliert in Tessiner Klinik (Foto: KEYSTONE / ANTHONY ANEX)
Am Coronavirus erkrankter Mann liegt isoliert in Tessiner Klinik (Foto: KEYSTONE / ANTHONY ANEX)

Das sagte Pascal Strupler, Direktor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), am Dienstagabend vor den Bundeshausmedien in Bern. Das Risiko für die Bevölkerung sei weiterhin moderat - auch, weil sich der Mann offenbar nicht in der Schweiz, sondern in Italien angesteckt habe.

Wegen der zunehmenden Fälle insbesondere in Norditalien steige aber die Wahrscheinlichkeit, dass auch in der Schweiz weitere Corona-Fälle registriert würden. Momentan sind laut dem Bund siebzig Tests in der Schweiz hängig, eine gute Handvoll aus dem Kanton Tessin.

Wir haben einen solchen ersten Fall erwartet, sagte Daniel Koch, Leiter übertragbare Krankheiten beim BAG. Jetzt werde das gemacht, was vorbereitet worden sei. Das heisst: Alle Kontaktpersonen des infizierten Mannes werden eruiert und in Quarantäne genommen. Falls sie Krankheitssymptome zeigen, werden sie medizinisch untersucht und isoliert. Momentan ist unklar, ob der 70-Jährige überhaupt jemanden angesteckt hat.

Der positiv getestete Mann hat nach Angaben des Bundes am 15. Februar an einer Versammlung in der Gegend von Mailand teilgenommen. Zwei Tage später habe er erste Symptome gezeigt. Der Mann habe sich seither zu Hause aufgehalten. Am Dienstag sei er positiv getestet worden. Der Patient ist seither in der Luganeser Klinik Moncucco isoliert.

Die Klinik widmet der Behandlung dieses Falls maximale Aufmerksamkeit und gewährleistet die Sicherheit aller Patienten und ihrer Mitarbeiter, schreibt das Spital in einer Mitteilung. Momentan laufe die Klinik im Normalbetrieb. Die Spitalleitung stehe in ständigem Austausch mit den Behörden des Kantons und des Bundes.

Beim ersten Fall von Coronavirus hätten die involvierten Personen im Tessin vorbildlich reagiert. Das Protokoll sei eingehalten worden, hielt der Tessiner Kantonsarzt Giorgio Merlani an einer Medienkonferenz der Regierung fest.

Für die Schweizer Gesundheitsbehörden ändert sich trotz des ersten Coronavirus-Falles nichts an der aktuellen Risikoeinschätzung. Bisher haben die Schweizer und Tessiner Behörden trotz der Ausbreitung des Coronavirus im nahen Norditalien nur sanfte Massnahmen beschlossen.

Das heisst: Es gibt weiterhin keine Einschränkungen für öffentliche Veranstaltungen, Schulen, Bars oder Restaurants. Dafür werden in den nächsten Tage Informationsbroschüren in gedruckter Form an den Schweizer Grenzübergängen verteilt. Zudem werden der Bevölkerung öffentlichkeitswirksam verschiedene Hygienemassnahmen in Erinnerung gerufen.

Verschärfte Grenzkontrollen ergäben keinen Sinn, sagte Koch vom BAG. Man sieht den Menschen nicht an, ob sie das Virus in sich tragen oder nicht. Restriktivere Massnahmen träten erst in Kraft, wenn wir die Übersicht verlieren über die Ansteckungsketten. Derzeit gebe es in der Schweiz noch gar keine solche Kette.

Derweil breitet sich das Coronavirus in Italien auf immer mehr Regionen aus. Die Zahl der Infizierten stieg bis Dienstagmittag auf rund 280. Die italienische Regierung hat drastische Massnahmen gegen das Virus ergriffen.

Elf Ortschaften, zehn in der Lombardei und eine im Veneto, wurden abgeriegelt. Der Karneval in Venedig wurde abgebrochen, Fussballspiele und andere Grossveranstaltungen wurden abgesagt. Schulen und Universitäten in allen betroffenen Regionen bleiben vorerst geschlossen.

Am Dienstag haben sich die Gesundheitsminister aus Italien, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Österreich, San Marino, Slowenien und Kroatien in Rom zu Beratungen getroffen. Bundesrat Alain Berset nahm für die Schweiz an dem Treffen teil.

(sda)


ÜBERSICHT Corona-Virus-Ausbruch in EUROPA - Drastische Massnahmen

Nach dem Ausbruch einer Coronavirus-Epidemie in Italien melden immer mehr europäische Staaten Nachweise des Erregers. Österreich, Kroatien, das spanische Festland und die Schweiz berichteten heute Dienstag von Covid-19-Fällen. In der Golf-Region droht sich das Virus ebenfalls auszubreiten.

Unterdessen berieten europäische Gesundheitsminister in Rom über das Coronavirus. Viele der neuen Nachweise in europäischen Ländern stehen im Zusammenhang mit dem zuletzt besonders stark betroffenen Italien.

So wurde auf Teneriffa ein Besucher aus der Lombardei positiv auf das Virus getestet, wie das spanische Gesundheitsministerium mitteilte. Die Region ist das im Moment am stärksten von dem Virus betroffene Gebiet in Norditalien. Am Abend wurde bekannt, dass auch die Ehefrau des Touristen positiv getestet wurde. Beide Patienten liegen isoliert in einem Krankenhaus auf der Kanareninsel.

Das Hotel, in dem das Ehepaar fast eine Woche lang Ferien gemacht hatte, steht seit Dienstagmorgen unter Quarantäne. Nach einem Bericht des Fernsehsenders Antena 3 wurden die Gäste aufgefordert, bis auf weiteres in ihren Zimmern zu bleiben.

Auch auf dem spanischen Festland ist der Erreger nun nachweislich angekommen. In Barcelona wurde eine Frau nach Angaben des spanischen Gesundheitsministeriums positiv getestet. Sie soll kürzlich von einer Reise nach Norditalien zurückgekehrt sein, berichtete die Zeitung "La Vanguardia".

Das neuartige Coronavirus hat zudem Österreich erreicht. Eine 24-jährige Frau und ihr gleichaltriger Freund seien positiv auf das Virus getestet worden, berichtete ein Sprecher der Klinik in Innsbruck. Beide stammten aus dem Raum Bergamo in Italien.

In Kroatien wurde die erste Ansteckung bei einem Mann nachgewiesen, der zuvor einige Tage in Italien gewesen war. Der erste Nachweis in der Schweiz ereignete sich laut Bundesamt für Gesundheit im Kanton Tessin. Details waren zunächst nicht bekannt.

In Italien auf dem Vormarsch

In Italien ist die Ausbreitung des Erregers in immer mehr Regionen nachgewiesen. Es ist aktuell mit Abstand das Land mit den meisten erfassten Fällen in Europa. Auf Sizilien gebe es den ersten Fall Süditaliens, teilte Zivilschutzchef Angelo Borrelli am Dienstag in Rom mit. Auch in Südtirol wurde ein Infizierter gemeldet, in der Toskana zwei.

Insgesamt stieg die Zahl der Angesteckten in dem Land auf rund 280. Wie es zu so einem rasanten Ausbruch kommen konnte, ist noch nicht bekannt. In der Lombardei wurden zehn Gemeinden in der Provinz Lodi zu Sperrzonen erklärt. Dort kontrollieren Sicherheitskräfte, wer hinein und hinaus darf.

Die Gefahr einer Ansteckung mit dem Virus ist nach einer neuen Einschätzung für Europäer derzeit "niedrig bis moderat". Als "moderat bis hoch" schätzt eine Studie das Risiko ein, dass sich Fälle wie derzeit in Italien auch anderswo häufen.

Folgen hat die Sorge vor der Lungenkrankheit auch für den Sport: So wird etwa das Europa-League-Spiel von Inter Mailand gegen Ludogorets Rasgrad vor leeren Rängen stattfinden. Der Tischtennis-Weltverband wird zudem die Ende März geplante Mannschafts-WM im südkoreanischen Busan um mindestens drei Monate verschieben.

In Südkorea stieg die Zahl der neuen Nachweise zuletzt weiter an: innerhalb von 24 Stunden um 144 Fälle auf nun 977. Die Zahl der Todesfälle stieg auf zehn.

USA machen Geld locker

Die US-Regierung will für den Kampf gegen das neuartige Coronavirus 2,5 Milliarden Dollar bereitstellen. Das Virus sei in den USA "sehr unter Kontrolle", aber die Regierung wolle vorsorglich handeln, sagte US-Präsident Donald Trump am Dienstag in Neu Delhi vor Journalisten.

US-Medienberichten zufolge sollen rund eine Milliarde Dollar der Mittel in die Entwicklung eines Impfstoffs gesteckt werden. Der Kongress muss die Mittel aber erst noch bewilligen.

Irans Virus-Beauftragter selber krank

Im Iran stieg die Zahl der gemeldeten Todesopfer von zwölf auf 15, wie der Sprecher des Gesundheitsministeriums im Staatsfernsehen erklärte. Ihm zufolge wurden landesweit inzwischen 95 Menschen - 34 mehr als am Vortag - aus verschiedenen Landesteilen positiv auf das Virus getestet. Auch Iradsch Harirtschi, der stellvertretende Gesundheitsminister und Coronavirus-Beauftragte des Landes, hat sich infiziert.

Irans Nachbarländer Irak, Kuwait, Bahrain und Vereinigte Arabische Emirate (VAE) meldeten mehrere neue Fälle von Patienten, die zuvor in den Iran gereist waren. Einige Länder im arabischen Raum versuchten, eine Ausbreitung durch verringerte Reiseverbindungen mit dem Iran zu verhindern.

Auch in China bleibt die Lage angespannt. Wie die Pekinger Gesundheitskommission mitteilte, kamen weitere 71 Menschen ums Leben. Die Gesamtzahl der Todesopfer in China stieg damit auf 2663, die Zahl der nachgewiesenen Infektionen kletterte um 508 auf 77'658.

Seit einer neuerlichen Änderung der Zählweise vor knapp einer Woche hat sich der tägliche Anstieg der neuen Infektionen in China reduziert. Experten gehen allerdings weiter von einer hohen Dunkelziffer aus.


In bisherigen Umfragen (am Nachmittag noch vor Bekanntwerden des Corona-Falls in der Schweiz) reagierten die Leute in der Schweiz noch ziemlich gelassen auf die Frage, ob ihnen das Corona-Virus Sorgen bereite.

Angst würden die Todesfälle in den Nachbarländern nicht auslösen sagten viele. Ein Besuch in einem Fitnesscenter hat auch gezeigt, dass der Verantwortliche die Lage über die Homepage des Bundesamtes für Gesundheit abklärt und allfällige Vorkehrungen trifft. Hier geht es zur Video-Umfrage.


Daten:

Roman Spirig
25.02.20 22:16

Themen:

Schweiz

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